Glyndebourne: „Der Opernbetrieb gleicht einem Uhrwerk“

MeisterSinger-Markenbotschafter Björn Bürger über das Glyndebourne-Festival und sein Debüt als „Der Barbier von Sevilla“

Was für ein Idyll: In den grünen Hügeln von East Sussex, nicht weit von Brighton, liegt zwischen Schafsweiden mit uralten Bäumen Glyndebourne, ein elisabethanisches Herrenhaus mit großem Park – und angegliedertem Festspielhaus. Hier in der Provinz findet alljährlich eines der weltweit bedeutendsten Opernfestivals statt. Und weil die Musikwelt im Sommer auf Glyndebourne blickt, auf neue Inszenierungen und Wiederaufnahmen erfolgreicher Produktionen, ist ein Engagement bei den Festspielen eine Auszeichnung für die Künstler – und für junge Sänger ein bedeutender Karriereschritt.

Veschlafenes Nest in der Provinz irgendwo in Sussex? Von wegen - Glyndebourne ist eines der wichtigstens Sommerfestivals im Opernkalender! Photo: Privat
Veschlafenes Nest in der Provinz irgendwo in Sussex? Von wegen – Glyndebourne ist eines der wichtigstens Sommerfestivals im Opernkalender! Photo: Privat

Das gilt auch für Björn Bürger, Bariton an der Frankfurter Oper und MeisterSinger-Markenbotschafter: „Für mich ist das eine große Ehre, hierher eingeladen zu sein“, sagt er. Und man hat ihn gleich mit einer Hauptrolle betraut; in diesem Sommer ist er Rossinis „Der Barbier von Sevilla“. Zweieinhalb Jahre lang hat er sich auf die Rolle vorbereitet, den italienischen Text gelernt, sich historische Aufnahmen angehört („Es ist so schade, dass die heutigen Produktionen so makellos sind, jedes Atemgeräusch unterdrücken) und mit den Klavierauszügen geprobt. Die letzten sechs Wochen vor der Premiere verbringt er in East Sussex; für den Großstädter Bürger eine ganz ungewohnte Erfahrung: „Ich wohne auf einer kleinen Farm in der Nähe, werde wirklich morgens vom ersten Hahnenschrei geweckt.“ Den Tag beginnt er noch im Cottage mit den ersten Stimmübungen, macht sich dann auf nach Glyndebourne, wo sich das internationale Ensemble in der Morgensonne auf dem Court Yard zum Kaffee trifft und, je nach Thema und Mischung am Tisch, mal Italienisch spricht, mal Französisch oder ins Deutsche verfällt. „Eine offizielle Lingua Franca gibt es in der Opernwelt nicht“, erläutert Bürger, „aber die Sprachen der großen Opern sprechen wir ja alle.“

Picknick im Smoking

So polyglott ist das abgelegene Anwesen, seit dessen Besitzer John Christie 1934 die künstlerisch ambitionierte „Glyndebourne Festival Opera“ gründete, unterstützt von seiner Frau, einer kanadischen Sopranistin, und deutschen Emigranten aus der Berliner Opernszene. Das Festspielhaus wurde über die Jahrzehnte immer weiter ausgebaut, von zunächst gut 400 auf inzwischen weit über 1000 Sitzplätze. Denn Glyndebourne, soeben als weltweites „Festival of the Year“ ausgezeichnet, ist längst eine Institution im kulturellen und gesellschaftlichen Leben Großbritanniens und fest ritualisiert: Wer das Glück hat, Karten zu bekommen, bestellt gleich einen Picknickkorb mit und lässt ihn sich von einem Butler in der Pause in den weitläufigen Park des Anwesens liefern. Wobei man sich natürlich in angemessener Garderobe auf der Picknickdecke niederlässt: Blacktie für die Herren, die Damen gern in großer Robe.

Glyndebourne House - hier begann alles als Eigentümer und Opernnarr John Christie in den 30er Jahren das Festival gründete. Photo: Privat
Glyndebourne House – hier begann alles als Eigentümer und Opernnarr John Christie in den 30er Jahren das Festival gründete. Photo: Privat

Diese Pause kann über eineinhalb Stunden dauern, eine Unterbrechung, die manchen Künstlern deutlich zu lang ist. Aber für die einzigartige Atmosphäre in Glyndebourne nehmen sie das gern in Kauf. Wer in der Probenzeit über das Gelände streift, hört Vogelgezwitscher im Park und aus dem einen oder anderen Fenster der historischen Gebäude Sänger Rezitative üben; auf den Weiden ringsum sitzen andere im Schatten der Bäume und lesen. Die umliegenden Werkstätten der Bühnenbildner, der Tischler und Kascheure, sind weit geöffnet wie auf einem Dorfplatz.

Ein britisches Ritual: Picknick in Glyndebourne gardens, natürlich in Smoking und Abendgarderobe. © Glyndebourne Productions Ltd. Photo: Sam Stephenson
Ein britisches Ritual: Picknick in Glyndebourne gardens, natürlich in Smoking und Abendgarderobe. © Glyndebourne Productions Ltd. Photo: Sam Stephenson

Wachsame Italienischlehrer

Anstrengend an den Proben sei es, „wenn wir über Stunden immer wieder eine fünfminütige Szene proben“, sagt Björn Bürger. Schließlich haben alle höchste Ansprüche: die Regisseurin, die Choreographen, die Instruktoren für korrekte Aussprache des Italienischen und die Inspizienz. „Nebenher erfahre ich dann, dass ich auf der Bühne eine Stelle besser meiden soll, weil es in der Aufführung dort eine Bodenklappe geben wird, das muss ich mir eben auch merken“, sagt er. Dass er genau das kann, sich alles merken, geduldig bleiben, sich gestalterisch einzubringen und zugleich immer wieder korrigieren zu lassen, in hohem Maße diszipliniert zu sein, das ist Voraussetzung für seine Arbeit. „Die hysterische Sängerin, die beleidigt aus der Probe stürmt und zurückgebeten sein will, die gibt es darum auch nicht wirklich“, erklärt er und lacht: „Aber manche Klischees stimmen schon. Es gibt natürlich noch das Ritual des Über-die-Schulter-Spuckens als Glückwunsch und den Aberglauben, dass man auf der Bühne nicht pfeifen darf.“

Doppelpremiere: MeisterSinger Markenbotschafter Björn Bürger feiert bei seinem ersten Engagement in Glyndbourne sein Rollendebut als Figaro im „Barbier von Sevilla“. © Glyndebourne Productions Ltd. Photo: Bill Cooper
Doppelpremiere: MeisterSinger Markenbotschafter Björn Bürger feiert bei seinem ersten Engagement in Glyndbourne sein Rollendebut als Figaro in „Der Barbier von Sevilla“, hier mit Danielle de Niese als Rosina. © Glyndebourne Productions Ltd. Photo: Bill Cooper

Er wollte immer schon zur Bühne, sagt Björn Bürger. Und erinnert sich dabei nicht nur an die  frühe Begeisterung sondern auch an den folgenden, weiten Weg zum Ausnahmesänger. Einem langen Studium folgt eine sorgfältige, vorausschauende Rollen- und Karriereplanung. Schließlich darf die Stimme nicht überstrapaziert und damit womöglich früh ruiniert werden. „Dabei weiß man natürlich auch so nie genau, was mit den Stimmbändern passiert, sind ja schließlich auch nur kleine Muskeln.“ Immerhin habe er als Bariton statistisch gesehen eine längere Sängerlaufbahn vor sich als Tenöre, erklärt er: „Ich habe ja nicht so viele hohe Töne zu verlieren.“ So oder so und trotz seiner Jugend, Björn Bürger denkt notwendig in langen Zeiträumen. Und er ist unter den Künstlern einer wenigen, die eine Uhr tragen. Nicht, weil er um 10.30 Uhr in die nächste Probe muss; dazu werden die Sänger rechtzeitig per Lautsprecher gerufen. Sondern weil er eine Übersicht über den Tageslauf haben möchte, in dem er diszipliniert mit seiner Stimme bis zum Einsatz haushält.

So ruhig, sachlich und bescheiden Bürger am Vormittag erzählt, so verwandelt wirkt er am Nachmittag beim ersten kompletten Probendurchlauf des „Barbiere“. Er trägt zum ersten Mal das neue Kostüm („Hoffentlich bleibt’s dabei, ich sollte zwischendurch auch schon Locken und eine kunterbunte Bluse tragen“) und wirkt auf der Bühne ganz furios. Sein Barbier ist ein echter Bramarbarseur, überbordend maskulin ist er ständig in Bewegung, mit breiten Schultern und herausgestreckter Brust. Für Rosina, die er aus den Händen ihres Vormunds befreien und an den schwer verliebten Grafen vermitteln soll, ist er offensichtlich weit mehr als ein Partner in Crime.

Hilfe vom Figaro: Damit Graf Almaviva (Taylor Stayton) zu seiner geliebten Rosina (Danielle de Niese) kommt muss Björn Bürger als Figaro ein wenig nachhelfen. © Glyndebourne Productions Ltd. Photo: Bill Cooper
Hilfe vom Figaro: Damit Graf Almaviva (Taylor Stayton) zu seiner geliebten Rosina (Danielle de Niese) kommt muss Björn Bürger als Figaro ein wenig nachhelfen. © Glyndebourne Productions Ltd. Photo: Bill Cooper

Gastspiel in der Royal Albert Hall

„Ganz klassisch, wie ein hübscher Traum“, sei die Inszenierung angelegt, erklärt Bürger am nächsten Tag. Dabei haben wir für meine Rolle ganz verschiedene Ansätze ausprobiert: Wie ein fieser Drogendealer bin ich zwischendurch dahergekommen. Aber auch ganz katzenhaft geschmeidig.“ Die Spielfreude des von den kleinteiligen Proben erlösten Ensembles hat bei der kleinen Schar von Zuschauern ganz herzliche Heiterkeit ausgelöst, das ist ihm nicht entgangen: „Vor allem an Stellen, an denen wir das gar nicht erwartet hatten.“ Bei der Premiere und den folgenden Aufführungen wird er das Publikum kaum bemerken. Auch geprobt wird dann nicht mehr; jetzt gilt es die Inszenierung immer gleich umzusetzen – auch bei dem einen Auftritt in der Londoner Royal Albert Hall, der zu den Ritualen der Glyndebourne-Saison gehört. „Auch damit das Niveau über die gesamte Zeit gewahrt bleibt, muss ein Opernhaus funktionieren wie ein komplexes Uhrwerk“, weiß Bürger. „Konstruiert sind sie natürlich alle ähnlich, aber sie können unterschiedlich gut gewartet und geölt sein.“

Glyndebourne funktioniert für ihn offenbar in jedem Detail perfekt: Am Ende des Sommer kehrt er an die Frankfurter Oper zurück, die ihn für den „Barbiere“ freigestellt hat – und seine Rollen im Heimatensemble sind natürlich längst in Vorbereitung. „Aber im kommenden Jahr“, freut er sich, „bin ich wieder hier in Sussex.“

Björn Bürger zusammen mit Sebastian Schwarz (Glyndebourne Operndirektor, links) und Ioan Holländer (ehemaliger Direktor der Wiener Staatsoper) auf der Premierenfeier von "Barbier von Sevilla". Photo: Privat
Björn Bürger zusammen mit Sebastian Schwarz (Glyndebourne Operndirektor, links) und Ioan Holländer (ehemaliger Direktor der Wiener Staatsoper) auf der Premierenfeier von „Der Barbier von Sevilla“. Photo: Privat