Weltgeschichte am Handgelenk

Wie sich der Kalte Krieg auf Zifferblättern der 50er- bis 80er-Jahre niederschlug

Armbanduhren sind nicht nur Zeitmesser, sondern auch Zeitzeugen: weil sie dokumentieren, was ihren Herstellern technisch möglich war. Zuallererst aber, weil sie das Stilempfinden – und damit die Stimmung und Geisteshaltung der Jahre wiedergeben, in denen sie entstanden: Die schrillen Uhren der frühen Siebzigerjahre, bunt wie Prilblumen, stehen für eine Zeit des Aufbruchs und des fröhlichen Hinterfragens alter Regeln, nachdem die sachlich-strengen Designs der 60er die behäbig runden Uhren der 50er-Jahre abgelöst hatten. Und die Retro-Wellen, die wir in den vergangenen Jahren immer wieder erlebt haben? Die heben immer dann an, wenn man sich in Phasen der Verunsicherung gern vermeintlicher besserer, sicherer Zeiten erinnert.

Kein Name aus dem Reich des Bösen

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Zodiac World Time Automatic

Aber Zifferblätter können viel mehr abbilden als diffuse Mentalitäten. Auf Weltzeituhren lässt sich auch die geopolitische Situation ablesen.

Schon bald nach Einführung der Armbanduhr wurden Modelle mit einer zweiten Zeitzone oder einer Weltzeitindikation entwickelt. Auf ihren Blättern fanden sich für jede Zeitzone als Vertreter ein oder mehrere Städtenamen – bevorzugt natürlich die wichtigsten Metropolen. Der Träger einer solchen Uhr wies sich damit als weitgereist und/oder weltweit vernetzt aus; in der Epoche vor Einführung interkontinentaler Linienflüge war das noch weit beeindruckender als heute. Bei Schweizer Uhren stand zumeist das vergleichsweise kleine Genf für die Mitteleuropäische Zeit, ansonsten fanden sich natürlich östlich von New York neben Buenos Aires, London und Kairo auch Moskau und Peking, die Hauptstädte zweier der größten Staaten überhaupt. In den 50er-Jahren allerdings verschwanden die beiden Orte von den Zifferblättern der meisten Schweizer und amerikanischen Uhren, ihre Zeitzonen hießen nun zum Beispiel Kairo, Aden, Reunion, Bombay, Kalkutta, Singapur und Manila. Womöglich waren manche dieser Orte als Handelsplätze wichtiger geworden – aber vor allem dienten sie wohl als Ersatz für die Metropolen der kommunistisch regierten Staaten – für manche das „Reich des Bösen“, das es zu meiden galt und dessen Namen man nicht auf seiner Uhr würdigen wollte. Die Beschriftung der hier abgebildeten Zodiac World Time von 1965 ist mit ihrer Mehrsprachigkeit (Island, Acores, Europ. Center, Tokio) wohl ein Kuriosum, aber ganz typisch in der ideologisch makellosen Abfolge östlicher Zeitzonen: Johannesburg, Bagdad, Reunion, Karachi, Bombay, Djakarta.

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Ein Modell der Marke „Raketa“, Russlands ältester Uhrenfabrik.

Lauter Sehnsuchtsorte

Solche Zifferblatt-Propaganda wäre wohl eher von den autoritären Regimes des Ostblocks und ihrer staatlich gelenkten Uhrenindustrie zu erwarten gewesen. Allein, hier lief es ganz anders: Die abgebildete Raketa ist deutlich jünger als die Zodiac – wohl aus den späten 80ern – und mit der englischen Aufschrift erkennbar für den Export hergestellt. Aber auch ihrer kyrillisch beschrifteten Vorläufer für den heimischen Markt waren ganz zwanglos in der Auswahl der Zonen-Namen. Mit New York und Chicago finden sich zwei Synonyme für das kapitalistische System auf dem Zifferblatt, mit San Francisco und Honolulu womöglich echte Sehnsuchtsorte. Auch die US-Metropolen wären zu ersetzen gewesen, durch Städte in Südamerika. Aber die Zeitmesser aus der sowjetischen Uhrenindustrie blieben ohne diesen Propaganda-Schaden – Peking allerdings, Hauptstadt des ideologischen Konkurrenten, kam auch bei ihnen nicht vor.

Seit den 90er-Jahren gehört auf Schweizer Uhren „Moskau“ wieder zum Standard, auf vielen findet sich auch die Zeitzone „Peking“. – Vor dem Hintergrund der chinesischen Hauptabsatzmärkte mancher Marken ist auch das ein Zeit-Zeugnis.

 

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