Rituals of the World – Burning Man Festival

Die Wüste lebt!

Zentraler Punkt des Festivals ist die riesige Statue des Burning Man.
Zentraler Punkt des Festivals ist die riesige Statue des Burning Man.

Beim Burning Man Festival bauen radikale Individualisten gemeinsam eine Stadt!

Ende August/Anfang September treffen sich jedes Jahr (Lebens-)Künstler, Selbstdarsteller und Zehntausende Bewunderer für acht Tage in Nevada, zum Burning Man Festival. Dafür wird in der Black-Rock-Wüste, etwa 150 Kilometer entfernt von Reno, eine temporäre Stadt mit kompletter Infrastruktur errichtet. Sie verfügt über ein Krankenhaus, ist aber autofrei. Nur die fantasievoll konstruierten „Art Cars“, mehr Ausstellungsstücke als Verkehrsmittel, sind dort zugelassen. Begonnen hat das Ganze im kleinen Rahmen von etwa 20 Bekannten des Gründers Larry Harvey im Jahr 1986, zunächst an einem kalifornischen Strand. Damit ist der „Burning Man“ das weitaus jüngste der bislang hier vorgestellten Rituale. Sein Name rührt daher, dass am sechsten Tag der Veranstaltung eine weit überlebensgroße Statue verbrannt wird. Das erinnert natürlich entfernt an vorchristliche Frühlingsrituale, wie sie von den Kelten überliefert sind: Es heißt, in deren Stroh-Riesen seien Menschen als Opfergabe verbrannt worden. Mit solchen finsteren Bräuchen aber hat das Festival nichts zu tun. Das erste Treffen soll Harvey zwar aus Liebeskummer veranstaltet haben, aber sein „Burning Man“ ist ein fröhliches, ausgelassenes Ereignis.

Über 70.000 Menschen erschaffen eine große Zeltstadt in der Wüste Nevadas.
Über 70.000 Menschen erschaffen eine große Zeltstadt in der Wüste Nevadas.

Radikaler Selbstausdruck

Eine Mission hat es gleichwohl, will eine „Kultur der Möglichkeiten“ pflegen, ein „Netzwerk für Träumer und Macher“ knüpfen. Für die Gemeinschaft „radikaler Individualisten“ und die Organisation des Festivals gelten zehn Prinzipien, in denen Radikalität ein bestimmendes Element ist. Die Gemeinschaft übt sich in radikaler Offenheit und Toleranz, der Einzelne lebt radikalen Selbstbezug und Selbstausdruck genauso wie die Kultur einer verantwortlichen, radikal partizipatorischen Ethik: Veränderung sei nur möglich durch die aktive Beteiligung aller. Dazu ist der Burning-Man-Community die Praxis des bedingungslosen Schenkens wichtig. Mit der Konsequenz umfassender Kommerzverweigerung. Es gibt keine Sponsoren, keine Werbung, kein Merchandising. Das klingt nach lauteren, aber nicht umsetzbaren Idealen und, für die Organisation von Großveranstaltungen, nach eingebautem Misserfolg. Das Burning Man Festival aber ist über die Jahrzehnte immer weiter gewachsen; im vergangenen Jahr kamen 70.000 Besucher in die Wüste. Die Statue allerdings, die ebenfalls von Jahr größer wurde und es 2014 auf kolossale 32 Meter Höhe brachte, fällt inzwischen aus Sicherheitsgründen wieder kleiner aus.

Höhepunkt des Festivals: die Verbrennung des Burning Man.
Höhepunkt des Festivals: die Verbrennung des Burning Man.

Teil der Popkultur

Längst taucht das Festival in Romanen, TV-Comedys und Songtexten auf, ist fest in der Popkultur etabliert. Sein Charakter als über den reinen Event-Faktor hinaus bedeutendes Ritual zeigt sich allemal in der Zahl ethnografischer Dissertationen zum Burning Man. Und längst gibt es mit den „Regionals“ lokale Ableger wie das „Nowhere“ in Spanien und „Swissburn“ in der Schweiz. 50 Jahre nach Woodstock – und nachdem jüngst der Versuch scheiterte, dessen Geist mit einem Revival zu beschwören, scheint das Burning Man Festival umso mehr als legitimer Nachfolger friedlich-hippiesker Utopien und Promotor alternativer Kunst- und Lebensformen. Das Wüstenfest ist ein sehr junges Ritual, wird aber inniger – oder inbrünstiger – begangen als manch eines mit langer Tradition.

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